Geschichte eines geplanten Verfalls
Das Bundesdenkmalamt hat tatenlos zugeschaut, wie die ÖBB den Salzburger Hauptbahnhof über Jahrzehnte verschandelt und verkommen lassen hat, obwohl im Bundesdenkmalschutzgesetz in einem solchen Fall das Eingreifen der Behörde vorgesehen ist. Somit ist das Bundesdenkmalamt seiner Pflicht nicht nachgekommen.
Folgende Zerstörungen der Historischen Substanz liegen vor
- Verschilderung des gesamten Areals
- Verblendung von Stuckaturen mittels abgehängter Decken
- In der Haupthalle Verblendung von Jugendstil Fliesenbildern mittels Gipskartonplatten
- Verschachtelung der Grundstruktur
- Illegale Einbauten von Liften, Treppen, Verkaufsräumen und Restaurants.
- Überbauung original erhaltener Zollstuben
- Heruntergekommene Bauteile werden – wenn überhaupt - nur notdürftig repariert.
Das Bundesdenkmalamt hat zu all dem geschwiegen und sieht auch heute der fortschreitenden Zerstörung eines historischen und in Österreich einzigartigen Kunstwerks zu.
1973 Planung
Erste Planungen eines neuen Hauptbahnhofes
80er Jahre Planung
Die ÖBB plant die Vergrößerung des Hauptbahnhofes. 1989 liegen fertige Planungen vor, die die Schleifung des Mittelbahnsteigs vorsehen. Der Salzburger Hauptbahnhof ist zu dieser Zeit Bundeseigentum und steht ex lege unter Denkmalschutz.
1993 Planung
Am 1. Jänner 93 wird das Unternehmen „Österreichische Bundesbahnen“ gegründet. Die bundeseigene Körperschaft ÖBB wird zur juristischen Person des privaten Rechts. Der Bund hält 100% der Aktien. Der Denkmalschutz ex lege besteht weitere 5 Jahre bis Ende 1998
3. November 1998
Denkmalschutz per Bescheid
Das Bundesdenkmalamt (BDA) eröffnet ein Verfahren nach § 2 DMSG für alle Denkmäler entlang der Kaiserin- Elisabeth- Bahn. U.a. wird in diesem Verfahren die Schutzwürdigkeit des Salzburger Hauptbahnhofs samt Mittelbahnsteig ermittelt. Den ÖBB werden Gelegenheiten gegeben, zum Ergebnis des Ermittlungsverfahrens Stellung zu nehmen. Sie wiesen u.a. darauf hin, dass durch die Notwendigkeit einer veränderten Gleisgestaltung auch „ der Speisesaal des Bahnhofrestaurants nicht erhalten werden kann „ ( org. Zitat aus dem Bescheid [ dieser liegt den Unterlagen unter 1 vor]) Vor Bescheiderlassung kommt es zu einer Besprechung zwischen ÖBB und BDA, in der den ÖBB ein „ realitätsbezogener Denkmalschutz“ versichert wird. Am 3. Nov. 1998 stellt das BDA den Salzburger Hauptbahnhof samt Halle und Restaurant per Bescheid unter Schutz.
Aus dem Bescheid des BDA
"Bei einer Besprechung von HR Dr. Swittalek mit dem Leiter Hochbau/ Haustechnik der ÖBB Dipl. Ing. Polzer wurden im Salzburger Hauptbahnhof u.a. als Bauteile von besonderer Bedeutung definiert:
Mittelbahnsteig samt Halle und Restaurant:
Das Vorliegen eines öffentlichen Interesses an der Erhaltung dieser Denkmale erachtet die Behörde aus Folgendem für gegeben:
Die Kaiserin Elisabeth Bahn ist ein Denkmal der österreichischen Wirtschafts- ( Verkehrs-) geschichte, das sichtbar durch die weitgehend original erhaltenen Hochbauten repräsentiert wird. Die Planung und Gestaltung derselben ist für diese Bahnlinie und ihre historische Entwicklung charakteristisch.
Es war daher spruchgemäß zu entscheiden:
Weder die ÖBB noch die Stadt und Land Salzburg haben gegen diesen Bescheid Einspruch erhoben. Der Bescheid erlangte Rechtskraft.
Der Bescheid ging am 13. November 98 beim Landeskonservator für Salzburg ein.
31. November 1998
Ausschreibung eines Gutachterverfahrens zur Neugestaltung des Salzburger Hauptbahnhofes im Auftrag der ÖBB
Am 31. November 98 schriebt die Firma Drees & Sommer, München im Auftrag der ÖBB ein Gutachterverfahren aus. Der Denkmalschutz des Restaurants und der Halle auf dem Mittelbahnsteig wird in den Rahmenbedingungen verschwiegen, der Abriss des „massiven Baukörpers“ (org. Zitat) auf dem Mittelbahnsteigs vorgeschrieben. Am 23. Dezember bestätigt die Firma Drees & Sommer den Architekten den Denkmalschutz des Marmorsaales, stellt ihn aber als ignorierbar hin. Vertreter der Stadt Salzburg werden im Planungsausschuss der Bahnhofsoffensive von der ÖBB falsch informiert: diese legen den Vertretern der Stadt einen Brief des BDA vor, demzufolge der Mittelbahnsteig angeblich nicht unter Schutz steht. Dieser Brief bezieht sich aber auf den Bahnhof Bischofshofen. Das BDA wird über die Abrisspläne nicht in Kenntnis gesetzt.
Anmerkung:
Auskunft von Herrn Mag. Franz Pacher vom Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit, Zuständigkeitsbereich: „ Information für öffentliche Aufträge“
„Das Vergaberecht geht davon aus, dass geltende gesetzliche und bescheidmäßige Auflagern ( in diesem Falle Denkmalschutz) vor der Einleitung eines Vergabeverfahrens grundsätzlich eingehalten werden.“
Wollte man gegen den Inhalt eines Bescheides vorgehen, so müsste, vergaberechtlich völlig korrekt vorgehen, vor Einleitung eines Vergabeverfahrens der Bescheid bekämpft werden.
Mai 1999
Das Siegerprojekt des Gutachterverfahrens wird vorgestellt
Im Mai wird das Siegerprojekt von Arch. Kada der Öffentlichkeit vorgestellt. Es sieht die Schleifung des Mittelbahnsteigs vor. Von der Eisenkonstruktion sollen lediglich 6 Binder erhalten bleiben, vorausgesetzt, dass sie die neue Bedachung standhalten.
Laut neuesten Informationen werden die 2 Hallen zusammengefügt und erhalten.
Eingedeckt werden sie mit einem Pneudach, oder Menbrandach.
Später mehr dazu.
Anwerkung:
Entwürfe, die den Erhalt des Marmorsaales vorsahen, wurden nicht berücksichtigt.
Juni 1999
Hans Schrott tritt öffentlich für den Erhalt des Marmorsaales ein
Parlamentarische Anfrage der FPÖ
Hans Schrott deckt die Negierung des Denkmalschutzes auf, tritt an die Öffentlichkeit und startet eine Unterschriftenaktion für den Erhalt des Marmorsaales.
Reaktion auf die Negierung des Denkmalschutzes:
- Das BDA stellt sich voll hinter den Denkmalschutz; Präs. Rizzi sieht keinen Grund für die Wiederaufnahme des Verfahrens.
- Landeshauptmann Schausberger setzt sich engagiert für den Erhalt der Hochbauten auf dem Mittelbahnsteig ein und unterzeichnet die Unterschriftenaktion von Hans Schrott.
- Bürgermeister Schaden sieht die Stadt von der ÖBB getäuscht.
- Die Salzburger Öffentlichkeit ist empört. Die Unterschriftenaktion verselbstständigt sich.
- Die ÖBB versprechen eine Neuplanung.
Parlamentarische Anfrage der FPÖ
Am 30. Juni stellen abg. Böhacker und Kollegen parlamentarische Anfragen an die Bundesministerin für Unterricht und Kulturelle Angelegenheiten, sowie an den Bundesminister für Wissenschaft und Verkehr bezüglich der Umbaupläne des Salzburger Hauptbahnhofes.
Danach keine Pressemeldung mehr. Der Mittelbahnsteig scheint gerettet.
Juli 1999
Besprechung zwischen Stadt, ÖBB und BDA
Am 12. Juli 99 kommt es aus Betreiben von Bürgermeister Dr. Heinz Schaden zu einer Besprechung zwischen Vertretern der Stadt, der ÖBB und des BDA, die mit der Mitteilung der ÖBB endete, dass die ÖBB dem BDA weitere Unterlagen vorlegen sollen.
Jänner 2000
Verlegung des Marmorsaales
Im Jänner wird die Verlegung des Marmorsaales in den Bereich des Aufnahmegebäudes als Lösung des Konfliktes um den Denkmalschutzes in den Raum gestellt. Landeshauptmann und Bürgermeister sehen darin einen gelungenen Kompromiss. Keine Stellungnahme des BDA.
Hans Schrott nimmt in einem Brief an das Bmwuk ausführlich gegen die geplante Verlegung des Marmorsaales Stellung:
Haupteinwände:
- Die Verlegung kollidiert mit dem Denkmalschutz des Aufnahmegebäudes
- Der Bayrische Pavillontrakt, in den der Marmorsaal verlegt werden soll, ist- ausgenommen der Stiege und des Liftes- das einzige original erhaltene Interieur aus dem Jahr 1860 und ist zudem ein architektonische Kleinod. Dieses zugunsten eines viel später entstandenen Raumes zu zerstören wäre völlig widersinnig.
- Das intakte Architektonische Gesamtkonzept auf den Mittelbahnsteig würde zerstört werden.
- Die Funktion des Marmorsaales als Restaurant wäre nach den derzeitigen Verlegungsplänen nicht mehr aufrechtzuerhalten ( Es ist lediglich eine Anreihe geplant, keine Küche [ Plan liegt unter 2 bei ]).
- Zudem ist nicht die Verlegung sondern ein adäquater Ersatz für den Marmorsaal geplant, d.h. dass der einzigartige und unersetzbare adneter Korallenmarmor auf jeden Fall zerstört werden würde.
- Die Garantie für den erhalt aller Marmorplatten ist nicht gegeben, der Ersatz für jede zerstörte Platte gestaltet sich als äußerst schwierig ( Beilage 3,4)
28.Jänner 2000
Tagung des Denkmalbeirates
Am 28. Jänner tagt der Denkmalbeirat in Salzburg. ( Zusammensetzung : 1 Vorstand, 3 ständige Mitglieder, je ein Vertreter von Stadt und Land Salzburg (Dr. Schmid bekannte in einem Gespräch mit Ehepaar Schrott, mit der Materie nicht vertraut zu sein.), nicht stimmberechtigte Auskunftspersonen: 1 BDA, 3 ÖBB (darunter Arch. Kada) , aber keine Vertretung vom Tourismusverband, wie im Denkmalschutzgesetz vorgeschrieben, und keine Vertretung von Vereinen, die sich für den Erhalt des Mittelbahnsteigs einsetzen, wie im Denkmalschutzgesetz angeregt.
Ergebnis:
- Der Erhalt des gesamten Mittelbahnsteigs wird einstimmig als „nicht sinnvoll“ erachtet.
- Die Verlegung des Marmorsaales mit einer Enthaltung „als nicht wünschenswert“ erachtet.
Begründung:
Der Erhalt der Halle wäre zu aufwendig
Der Marmorsaal ist nicht aus der Gründerzeit:
Anmerkung: Denkmalschutz bezieht sich jeweils auf jenen Zustand eines Denkmals, in der es sich zu dem Zeitpunkt befunden hat, in der der Schutz Rechtskraft erlangt- in diesem Falle also auf den Stand von 1998. Die Begründung des Denkmalbeirates entbehrt somit jeder Rechtsgrundlage.
Anmerkung: Obwohl sich im Gremium keine Historiker mit dem Schwerpunkt „Architektur der Jahrhundertwende“ befanden, werden keine Expertisen eingefordert.
24. Mai 2000
Hans Schrott stellt einen Antrag auf Einberufung eines neuen Denkmalbeirates
Das das Gremium des Denkmalbeirates nach Ansicht des Vereins „ Förderer der Salonkultur in Salzburg“ nicht gesetzeskonform zusammengestellt war, stellt Hans Schrott am 24. Mai folgende Anträge an das BDA:
- Das Ergebnis des Denkmalbeirates vom 28.1. nicht als Grundlage einer Entscheidungsfindung zuzulassen.
- Einen neuen Denkmalbeirat entsprechend § 15, Abs. 1 DMSG einzuberufen.
Die Anträge werden mit Bescheid vom 2. Juni 2000 abgelehnt: Hans Schrott beeinsprucht den Bescheid beim Bmwuk und stellt gleichzeitig einen neuen gleichlautenden Antrag an den Denkmalbeirat.
Anfrage an das BDA
Gleichzeitig stellt Hans Schrott die Anfrage an das BDA, in welchen Verfahren der Denkmalbeirat überhaupt getagt hat, da die ÖBB noch keinen Entsprechenden Antrag gestellt haben. Diese Frage wird nicht beantwortet.
9. März 2000
Übergabe der gesammelten Unterschriften für den Erhalt des Mittelbahnsteigs
Am 9. März übergibt Hans Schrott die bisher gesammelten Unterschriften im Bmwuk an Herrn Sektionschef Dr. Wran und Herrn Ministerialrat Dr. Helfgott. Das Gespräch verlief freundschaftlich. Es kam zu einem für alle Beteiligten interessanten Meinungsaustausch.
19. Mai 2000
Kontakt mit den ÖBB
Die ÖBB setzen sich mit Hans Schrott in Verbindung. Ein Gespräch am 19. Mai mit DI Norbert Steiner und DI Warn in Salzburg verläuft freundschaftlich aber ergebnislos. Der Verein richtet einen Fragenkatalog an die ÖBB, der aber unbeantwortet blieb. Die ÖBB betreiben weiter massiv Werbung für die Verlegung des Marmorsaales. ( Fragenkatalog Beilage 5 ).
26. Mai 2000
Parlamentarische Anfrage der Grünen
Dieter Brosz von den Grünen bringt eine Anfrage bezüglich der Neugestaltung des Salzburger Hauptbahnhofes unter Einhaltung des bestehenden Denkmalschutzes ein.
Juli 2000
Gespräch mit den ÖBB in Wien
Die ÖBB lädt Hans Schrott zu einem Gespräch nach Wien ein. Anwesend ist auch Arch. Kada. Das Gespräch verlief ergebnislos.
Seit Juli 2000
Der Umbau des Hauptbahnhofs liegt auf Eis
Aus finanztechnischen Gründen wird der Umbau des Salzburger Hauptbahnhofes auf Eis gelegt. Das BDA fällt bezüglich des Antrages der ÖBB auf Abriss des Marmorsaales keine Entscheidung.
19. Juli 2001
ÖBB lässt Gutachten erstellen
Rolf Höhmann wird von der ÖBB beauftragt, ein Gutachten hinsichtlich der erhaltenswerten historischen Bauteile zu erstellen. Laut Aussagen von Höhmann durfte er nur bestimmte Bereiche begutachten. Die Besichtigung des Bahnhofsübergangs aus dem Jahr 1886 wurde ihm verweigert.
Mai 2002
Das Geld für den Umbau des Salzburger Hauptbahnhofes ist da. Die Diskussion um den Mittelbahnsteig beginnt von Neuem.
Veränderungen bis Heute
Das Bundesdenkmalamt macht über das Thema Salzburger Hauptbahnhof völlig dicht. Das Projekte wurde zur Chefsache erklärt und dem Landeskonservator entzogen. Es ist bekannt, dass 2006 der Abriss des Marmorsaals durch das Bundesdenkmalamt genehmigt wurde, wobei die Öffentlichkeit nicht darüber informiert wurde, wie und warum der bestehende Denkmalschutz aufgehoben wurde. Im selben Bescheid wurde auch der Erhalt der Eisenkonstruktion auf dem Mittelbahnsteig gefordert, wobei eine schwammige Formulierung lediglich eine „ordnungsgemäße“ Abtragung vorsieht, ohne diese genauer zu defnieren.
Weitere durchgeführte oder geplante Bauvorhaben:
-
Abriss des Postareals aus den 50ern, sowie teilweise Abtragung des Bahnhofübergangs (Mit dem
- Winkelschleifer und dem Schweißbrenner) aus den Jahr 1886 der sogar gesondert im Dehio steht.
Neubau von Hochhäusern , die die Stadtsilhouette beeinflussen
Auch sind Hochhäusern nach der Verkleinerung des Bahnareals geplant (in sämtlichen Präsentationen enthalten, noch nicht offiziell)
Resumée
Durch die jahrelange Verschandelung des Salzburger Hauptbahnhofes durch die ÖBB und durch das fehlende Eingreifen des Bundesdenkmalamtes wird der Bevölkerung ein wertloses Denkmal vorgegaukelt. Das Interesse der Öffentlichkeit wurde systematisch durch langwierige Diskussionen zermürbt. Die meisten Initiativen stellten ihre Arbeit ein.
Unter Druck gesetzt, gab das Denkmalamt unterschiedlichen Ansuchen der ÖBB nach.
Quellennachweis:
- Dissertation Dr. Robert Hykysh 1989 Salzburg
- Ausschreibungstext des Gutachterverfahrens „ ÖBB- Offensive Salzburg“ durch die Firma Drees & Sommer, München (Rahmenbedingungen (31.10.98), Fragenbeantwortung (13.12.98)
- Protokoll des Denkmalbeirates (28.1.00)
- Brief DI Warn vom 10.4.00 an Frau Dr. Mille, Wirtschaftskammer Österreich
- Denkmalschutzgesetz § 15, Abs. 1, § 6 Abs. 1 und 3, § 26, Abs.5
- Salzburger Nachrichten vom 24. Juni 99 und vom 22. Mai 2000 Beantwortung der parlamentarischen Anfrage der FPÖ durch Frau Bundesministerin Dr. Elisabeth Gehrer, 11. August 99
- Salzburger Volksblatt vom 5. Juli